Das Mami-Netzwerk: ein Erfolgskonzept für eine lange Elternzeit ohne Durchdrehen

Damals in der Schwangerschaft habe ich mich ganz bewusst für zwei Jahre Elternzeit entschieden. Also zumindest so bewusst wie man das kann, wenn man keine Ahnung vom Alltag mit Kind hat. Glücklicherweise habe ich diese Entscheidung aber noch keine Sekunde bereut, ganz im Gegenteil. Die schwierige Krippensituation in München, die Nicht-Verfügbarkeit von Annas Großeltern und die einstündige Anfahrt ins Büro sind gute Gründe dafür, dass ich meine Kleine auch im zweiten Lebensjahr daheim betreue, bevor der stressige Kita- und Arbeitsalltag auch für uns beginnt.

Dennoch: so gerne ich meinen Job als Vollzeitmama mache, möchte ich auch über die blöden Tage sprechen. Die Tage an denen man das Kind am liebsten an die Wand klatschen und sich selbst die Decke über den Kopf ziehen würde. Und das oft schon um 6:30 Uhr in der Früh.

Heute war so ein Tag. Ich weiß nicht, ob es die Katerstimmung nach einer super Urlaubswoche in Kroatien ist, oder daran liegt, dass Anna gestern erhöhte Temperatur hatte, sie extrem quengelig und die Nächte entsprechend bescheiden waren. Dazu kommt auch noch der Wetterumschwung, Kopfschmerzen und der Frust über vier geplante Verabredungen diese Woche, die aus unterschiedlichsten Gründen ausfallen. Es ist einfach eine Kombination aus blöden Umständen, die dieses Gefühl auslösen.

Das Gefühl, dass einem alles zu viel ist und man schon morgens nicht weiß, wie man den Tag rumkriegen soll.

An solchen Tagen muss ich dann an meine Mama denken, die mir gestern erst wieder gesagt hat, wie toll sie es findet, dass ich solange daheim bei Anna bleibe ihr ging es damals mit mir nämlich ganz anders. Sie stieg 1986, wenige Monate nach meiner Geburt, wieder in Teilzeit ein und teilte sich die Betreuung mit meinem Papa, der im Schichtdienst arbeitete. Natürlich war ihre Situation eine vollkommen andere: wir lebten in Luxemburg, es gab keine vergleichbaren Elternzeit- und Elterngeldregelungen, meine Großeltern waren beruflich bedingt im Ausland und vor allem hatte sie damals als junge Mama keine Möglichkeit, sich so ein Netzwerk aufzubauen, wie ich es heute habe. So fehlte ihr (und wahrscheinlich auch vielen anderen Müttern in Luxemburg oder auch Deutschland) damals komplett der Austausch mit Gleichgesinnten, es gab keine Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme geschweige denn ein vergleichbares Kursangebot für Mutter und Kind. Sie war also tagein tagaus allein mit mir, einem gelinde gesagt nicht sehr ausgeglichenen Baby. Deswegen hat sie mich in der Schwangerschaft auch gewarnt, dass zwei Jahre in Elternzeit durchaus schwierig für mich werden könnten. Was ich an Tagen wie heute bzw. Morgen wie heute Morgen durchaus nachvollziehen kann.

Ähnlich ging es einer Freundin in Paris. Natürlich sind die Voraussetzungen in Frankreich auch wieder vollkommen anders.

Nach dem 10-wöchigen Mutterschutz erhält man lediglich ein einkommenunabhängiges Elterngeld von ca. 400 Euro. Außerdem werden Kitas stärker staatlich gefördert als in Deutschland. Meine Freundin wohnt in einem Pariser Vorort, muss also auch eine Stunde pro Arbeitsweg einrechnen, und arbeitet, genau wie ihr Mann, wieder in Vollzeit. In meiner Vorstellung ist das der pure Stress. Trotzdem konnte sie es die sieben Monate nach der Geburt kaum abwarten, wieder in den Job einzusteigen. Ich habe mich in der Zeit oft gefragt, ob ich vielleicht eine Glucke bin. Oder der Inbegriff einer Nicht-Karrierefrau. Und ob das wirklich so richtig ist, wie ich es mache.

Unter anderem dank meiner Mama und ebendieser Freundin bin ich allerdings mittlerweile überzeugt, dass jeder unserer drei Wege genauso richtig ist, wie sie unterschiedlich sind. Die beiden wussten nicht, wie sie den Tag mit Baby rumkriegen sollten, waren gelangweilt und alleine. Meine Freundin meinte, sie würde sich oft schon am Vormittag den Abend herbeiwünschen. Das kann ich in meinen kleinen Alltagskrisen sowas von nachvollziehen. Aber glücklicherweise auch nur da. Wenn das zum Dauerzustand wird, ist ein früherer Wiedereinstieg sicher die beste Lösung für alle Beteiligten. Dass mir ein einsames „Nur-Mami-Dasein“ erspart bleibt und ich meine zweijährige Elternzeit abgesehen von den Krisen des Alltags so sehr genießen kann, verdanke ich meinem Mami-Netzwerk. Auch hier habe ich eine glückliche Ausgangssituation: drei eh sehr gute Freundinnen sind kurz vor mir ebenfalls in Elternzeit gegangen.

Außerdem habe ich viele neue Mädels kennengelernt, im Geburtsvorbereitungskurs, auf dem Spielplatz, in der Nachbarschaft und heute sogar bei Annas erstem Schuhkauf. So läuft das halt zwischen Mamas.

Man wohnt, im gleichen Viertel, hat Kinder im gleichen Alter und kennt sich eh vom Sehen. Warum als nicht ein Date ausmachen und schauen, was draus wird.

Genau diese Art Netzwerk macht meiner Meinung nach nämlich den Unterschied. Niemand kann den 24-Stunden-Job als Neu-Eltern ohne Unterstützung schaffen. Und so wichtig und hilfreich auch die eigenen Eltern und Freunde ohne Kinder sind – vor allem in der ersten Zeit mit Baby, der Achterbahnfahrt zwischen Glückseligkeit und Überforderung, braucht man andere Eltern-Freunde. Andere Mamas und Papas, deren Gedanken und Gespräche sich auch um Nicht-/Schlafen, Windelinhalt und Zähne drehen, vor denen man sich nicht für Gefühls- oder Schweißausbrüche schämen muss und die einem einfach vermitteln, dass wir nicht alleine sind.

Ich verabrede mich im Optimalfall an drei Tagen in der Woche mit Freundinnen und ihren Kleinen. Da habe ich den Austausch mit Erwachsenen und Anna kann mit Gleichaltrigen spielen. Eine Win-Win-Situation für uns alle.

Egal ob man eine gute oder schlechte Nacht hatte, ein fröhliches oder quengeliges Kind mitbringt man freut sich über das Wiedersehen und die Zeit vergeht schnell.

Da wir im gleichen Boot sitzen, können wir uns gegenseitig aufmuntern und weiterhelfen. Und so gehe zumindest ich nach solchen Treffen immer zufrieden heim, auch wenn ich mal gefrustet oder genervt angekommen bin.

Jetzt, während ich das hier schreibe, erinnert das Ganze mich an meine ehemalige Vorgesetzte und Freundin, die sich jeden Mittwoch mit ihren ebenfalls vom Job genervten Freundinnen getroffen hat sie nannte die Runde immer ihre „Selbsthilfegruppe“. Und vielleicht haben auch die Mami-Treffen und ihre Themen diesen Charakter.

In meinem Fall lässt sich die Selbsthilfegruppe sehr gut mit der Kinderbetreuung kombinieren, je nach Alter beim Spazierengehen, Kaffeetrinken oder am Spielplatz und wer weiß, vielleicht finden die Treffen ein paar Monate später ja auch bei einem Drink ohne Kinder statt, weil aus manchen Mamibekanntschaften echte Freundschaften geworden sind. 🙂

Christine

 

 

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