Das wunderbare Wochenbett – schön, anstrengend und einfach überfordernd

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„Du hast es gut, in dem Alter machen sie ja noch nichts außer schlafen und essen. Genieß es! In ein paar Monaten wirds richtig anstrengend.“ ich weiß gar nicht mehr wie oft ich solche Aussagen in den ersten Wochen nach Annas Geburt gehört habe. Und das auch noch von den Freundinnen, die bereits Kinder hatten und von denen ich mir eigentlich Verständnis, gute Ratschläge und ja, auch etwas Mitleid im Wochenbett erwartet hatte.

Was meinten die alle? Was lief bei uns falsch? Klar war ich glücklich, frisch verliebt in unser kleines Bündel, und habe bei jeder Kleinigkeit vor Glück geweint. Aber genießen war etwas anderes. Körperlich war ich dank Wochenfluss, Brustwarzenschmerzen, Schlafmangel und ziependem Beckenboden eher ein Wrack. Langes Stehen oder Spazierengehen waren tabu, davon abgesehen, dass ich zwischen Stillen und Fläschchen sterilisieren/zubereiten auch kaum an etwas anderes denken konnte. Und wenn doch, hatte ich es genauso schnell wieder vergessen wie alles andere auch. Nicht mal an welcher Brust Anna zuletzt getrunken hatte, konnte ich mir länger als 20 Sekunden merken. Gottseidank hatten wir unsere Milchliste. Hier wurde akribisch notiert wie viel Anna wann von welcher Brust bzw. aus der Flasche getrunken hat. Auch mit nur einer freien Hand und schreiendem Baby auf dem Arm. Auch nachts um 02:34 Uhr.

Es war also wie es war. Schön, anstrengend und einfach überfordernd.

Obwohl mein Mann die ersten zwei Wochen Urlaub hatte, waren wir teilweise auch zu zweit total hilflos. Wir stritten wegen den unsinnigsten Sachen: hat das abgekochte Wasser wirklich genau 40 Grad oder doch nur 38,5? Wie steigt man am besten mit Kinderwagen in den Bus ein und wie wieder aus? Und ist es lebensgefährlich wenn das Baby im geheizten dm ein Mützchen auf hat?

Überhaupt war der gefürchtete plötzliche Kindstod total unerwartet ein Riesenthema für mich. Ich habe nachts Videos von Annas verdächtiger Atmung per WhatsApp an die Hebamme geschickt anstatt die Zeit zu nutzen und selbst zu schlafen. Aber das ist wohl alles hormonell bedingt und gesteuert. Glücklicherweise, denn richtig schlecht habe ich mich trotz allem nie gefühlt. Nur zartbesaitet und etwas bemitleidenswert.

Zumindest die Apothekerin meines Vertrauens, die mich alle zwei Tage mit dicken Wochenflussbinden, Calendulacreme, Milchpumpe und Brustwarzenkompressen versorgt hat, war sehr verständnisvoll. Viele ihrer frischentbundenen Kundinnen hatten genau die gleichen Probleme wie ich, sodass sie eine extra Mama-Kind-Ecke mit Heilwolle und Co eingerichtet hat. Balsam für meine Seele.

Auch wenn die erste Zeit zu dritt in Wahrheit weitaus weniger rosarot war als erwartet  ich habe das Wochenbett in vollen Zügen genossen.

Wir hatten oft Besuch von Familie und Freunde und unsere Wohnung wurde noch einmal mehr zu unserem Daheim, unserem Nest. Unsere Beziehung wurde trotz unnötiger Streitereien inniger und das Elternsein hat uns als Paar gestärkt, nicht geschwächt was eine meiner größten Ängste war.

Wenn mich schwangere Freundinnen heute nach Tipps fragen, muss ich mit einem Lächeln an diese surreale, verwirrte, aber wunderschöne erste Wochenbettzeit denken. Wir dürfen wohl einfach nicht zu viel erwarten, nicht von uns, nicht vom Partner und müssen uns von allzu romantischen Mama-Papa-Kind-Vorstellungen verabschieden. Stattdessen wurden die früher viel belächelten Diskussionen rund um die Stuhlgangfarbe, Konsistenz und Häufigkeit schneller zum normalen Gesprächsthema als wir „Anna“ sagen konnten. Aber diese Erfahrung muss jeder für sich machen. Manche Sachen verstehen wir wohl einfach erst, wenn wir selber Eltern sind. Und das ist ja auch gut so.

Auf jeden Fall kann ich meinen Freundinnen jetzt, knapp 15 Monate später, sagen, wie absurd ich ihre „Genieß es“-Aussagen damals gefunden habe und wie gut ich sie mittlerweile verstehe. Trotzdem werde ich mich hüten, anderen das in der ersten Zeit mit Kind zu raten. Dafür sind die Erinnerungen an Chaos, Tränen und Überforderung zu rezent.

Aber wahrscheinlich ist es einfach so, dass man die Zeit dann später doppelt genießen kann dann, beim zweiten Kind. 😉

Christine

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